Abschiedsbrief an Erdnuss.

Geschrieben am 12. Juli 2011 von Neues

Mein liebes Kind,

fast zwei Wochen ist es her, dass wir uns auf die körperlichste und schmerzhafteste Weise trennen mussten, die ich mir vorstellen kann.

Dein Vater und ich vermissen dich unendlich.

Du hast unser Leben ganz schön durcheinander gewirbelt, weißt du? Gerade hatten wir uns daran gewöhnt, Eltern zu sein, jetzt gewöhnen wir uns daran, dass sich die Welt, die wir dir so gerne erklärt hätten, ohne dich weiterdreht.

Wir drehen uns mit, wir wollen leben, schon allein, weil du zu krank dafür warst.

Noch fühlt sich die Normalität imitiert an, kostet es mich unglaublich viel Kraft, morgens aufzustehen. Und doch schaffe ich es jeden Tag, weil es einen Unterschied macht, ob man im Bett oder am Küchentisch weint.

Du hast uns so unglaublich viel gegeben. Ganz viel Lachen und Wundern und Wünschen. Und sogar jetzt noch die Erkenntnis, stärker zu sein, als wir dachten.

Ich hab dein Zimmer gestrichen. Die schrecklich pinke Vormieterfarbe konnte ich keinen Tag länger ertragen.

Als ich voller Farbspritzer barfuss auf dem wackeligen Küchenhocker versuchte einbeinig balancierend die Decke zu erreichen, hab ich leise in die Farbe geheult. Und gleichzeitig auch gelächelt, weil ich mir vorgestellt hab, dass du mir von irgendwo zuschaust und schmunzelnd den Kopf über deine bescheuerte Mutter schüttelst.

Heute auf dem Standesamt hab ich deine Geburtsurkunde bekommen. Durfte dir einen Namen geben. Aber auch wenn die Schreibmaschine einen anderen getippt hat, für uns bleibst du Erdnuss.

Es ist komisch, nach sieben Monaten Untervermietung wieder alleine und mit leerem Bauch zu sein. Obwohl ich mir sicher bin, dass du mir was dagelassen hast. Zu wissen, was und wen ich in meinem Leben will, wohin es dann damit gehen soll und inmitten von sich beschwerenden, nörgelnden, abgehetzten und genervten Menschen ganz gelassen und ruhig zu lächeln.
Weil ich jetzt weiß, was da Schlimmeres kommen kann.

Und mit dir bleiben uns wunderschöne Erinnerungen. Die sind immer größer als die Trauer.

Wir werden hier nicht mehr bloggen. Ganz oft hab ich dir die Kommentare vorgelesen, die uns drei begleitet haben. Den Rest schaffen wir alleine. Dein Vater und ich Hand in Hand, du in unseren Herzen.

Danke, dass du bei uns warst!

Wir lieben dich!

Schritt für Schritt nämlich.

Geschrieben am 05. Juli 2011 von Sinja

“Man darf immer nur an den nächsten Schritt denken.” so sagt Beppo Straßenkehrer in Michael Endes “Momo”.

Und genau das sag ich mir auch.

Ungefähr vier Wochen lang war ich nun keinen Tag alleine. Immer war Sascha bei mir, hat sich darum gekümmert, wo mein Schlüssel liegt, wann uns wer beim Umzug hilft, dass ich esse und schlafe und immer wußt er die Antwort auf die Frage, ob ich heute eigentlich schon geduscht hatte.
Er war meine Deckung, mein Ausputzer, meine Zweitbesetzung, Hundertprozent und an seiner Hand hab ich mich sicher gefühlt.

Gestern war sein erster Arbeitstag und eigentlich mein erster allein in unserer wunderschönen neuen Wohnung.

Aber gestern kamen der Telefonmann, unsere Möbel und zwei großartige Menschen, einfach so, mit einem Wocheneinkauf unterm dem Arm und endlos viel Zeit.
Und einfach so wurde mein Tisch aufgebaut, meine Küche eingeräumt, Frühstück gemacht, geredet, zugehört, Kaffee getrunken und dageblieben, bis mein Mann nach Hause kam.
Einfach so und so einfach gut tuend.

Heute war ein neuer Tag.
Und heute bin ich allein.
Heute war Zeit für den nächsten Schritt, Besenstrich, Atemzug.

Heute hab ich alleine die Wohnung verlassen.
Zwei Stunden hab ich gebraucht, bis ich mich getraut hab.

Bis ich mir die Mütze über meine momentan schrecklich schlecht gefärbten Haare gezogen hab, (Danke Hamburger Sommer!) den Rucksack aufgesetzt und die zwei Stationen zum Einkaufen gefahren bin.
Nicht weil ich mußte, weil ich wollte.

Weil ich die ganze Straße schaffen will, auch wenn sie noch so furchtbar lang ist und auch wenn ich mich wie eine dieser kleinen Glasfiguren fühle, die am Rand der Kommode steht und in tausend Scherben zerbricht, wenn sie sich ein Stück zu weit in die falsche Richtung lehnt.

Heute hab ich Glasreiniger gekauft.
Morgen kommt der nächste Besenstrich.

Hier der Filmausschnitt für alle Unwissenden…

You are always on my mind.

Geschrieben am 30. Juni 2011 von Neues

Bis zum Schluss haben wir Erdnuss begleitet und uns nach ihrer stillen Geburt letzte Nacht von Angesicht zu Angesicht von unserer Tochter verabschiedet.

Auch wenn der letzte Akkord angeschlagen wurde, läuft der Erinnerungstrack in Dauerschleife.

Und wir fragen nicht warum es so sein mußte, wir sind dankbar für alles, was war.

Ein kleines Stück von uns ist mit ihr gestorben, der größte Teil von ihr lebt in uns weiter.

Zwischenstand.

Geschrieben am 24. Juni 2011 von Sinja

Noch nie war die Frage, wie es mir geht, so schwer zu beantworten.

Meistens beginne ich bei der dritten Silbe meiner Antwort auf diese sonst beiläufige Frage aber eh schon an zu heulen und mache sie somit überflüssig.
Trotzdem freue ich mich immer, wenn jemand fragt. (Und noch ein bißchen mehr, wenn eigentlich keine Antwort erwartet wird.)

Gefragt wurden wir aber oft in den letzten Tagen, die ich im Krankenhaus verbracht habe.
Nur diesmal auf der falschen Seite.

Diesmal stand mein Name auf Patientenakten, Essenskärtchen und Belegungsplänen.

Diesmal gings um mich, um uns, unser Kind, Leben, Sterben, Prognosen, Vorstellungen, Szenarien und immer wieder um Entscheidungen.

Drei Tage lang haben wir mit Seelsorgern, Hebammen, Ärzten, Psychologen und wieder Ärzten über die letzten zwei und die vielen noch kommenden Wochen gesprochen und immer wieder halt darüber, wie es uns geht.

Im Pflegebericht steht, dass es mir “soweit gut” ginge und irgendwie stimmt das auch.
Es gibt gute und schlechte Tage, der Schmerz kommt und geht in Wellen, nur die Amplitude variiert.

So wie er mich am Anfang überrollt hat, überrollt mich jetzt das, was wir an Reaktionen bekamen und noch immer bekommen.
Gedanken und Worte in E-Mails, DMs, SMS, Kommentaren, Briefen und Karten, Schokolade, Gutscheine, warme Socken, Bücher, Tee, DVDs, egal was uns auch erreicht, läßt uns kurz lächeln und uns aufgefangen fühlen.

Ich hab versucht, jedem einzeln und besonders zu danken, weil jeder von euch einzeln und besonders ist, bei manchen ist es mir einfach über den Kopf gewachsen, bei anderen weiß ich gar nicht, wie ich sie erreichen kann, daher auch nochmal an dieser Stelle: Danke. Alles, was ihr gesagt, geschrieben, gedacht, getan oder geschickt habt, bedeutet und hilft uns viel. Danke.

Nicht nur an all die uns zum Teil völlig fremden Menschen aus dem Internet, sondern auch an unsere Freunde und Familien.
Das es gut sein kann, nur wenig Menschen wirklich an sich heranzulassen, merkt man, wenn in solchen Situationen auch nur wenig Menschen enttäuschend reagieren und somit Platz im Herzen und Handyspeicher machen.

Wann wir uns endgültig von Erdnuss verabschieden müssen, entscheidet sich erst noch und liegt nicht mehr nur in unserer Hand. Alle bisherigen Untersuchungen haben bestätigt, dass sie sehr krank ist und an mindestens drei lebenswichtigen Organen ihres sowieso viel zu kleinen Körpers nicht richtig entwickelt.

Aber jetzt geht es ihr gut, wir sind sehr dankbar für alles, was wir mit ihr erlebt haben und noch erleben werden, für das Schönste und Schlimmste, dass uns in unserem Leben passiert ist.
Wir feiern sozusagen Abschied auf Raten, jeden Tag ein wenig, manchmal langgezogen wie Kaugummi, manchmal voller Wut und Tränen, manchmal ganz still und leise, manchmal sogar lachend.
So wie das Leben eben ist, zu dem der letzte wie der erste Atemzug gehört.

Wie genau unser weiterer Weg und unsere Entscheidungen aussehen, ist zu intim für diese Seite, daher wird es dazu von mir keine Aussagen oder Antworten geben.
Wir gehen ihn zu dritt und für uns drei.

Es gibt nur eine Sache, die ich mir wünschen würde:

Wenn ihr heute abend im Supermarkt steht und wieder genau die falsche Kasse genommen habt, wenn ihr dreimal um den Block fahren müßt, um einen Parkplatz zu finden, wenn der Busfahrer zu langsam fährt, euer Computer streikt, eure Nachbarn zu laut sind oder nicht grüßen, wenn eure Kinder nicht schlafen wollen, ihr nichts zum anziehen habt oder der Mensch vor euch den falschen Klingelton:

Ärgert euch ruhig. Auch ruhig richtig.
Aber lächelt innerlich auch ein bißchen, weil es im Moment nichts Wichtigeres gibt, dass euch beschäftigt.

Es gibt Zeiten im Leben, da freut man sich auf sowas.

Warten.

Geschrieben am 17. Juni 2011 von Sascha, Sinja

Es gibt nichts mehr zu tun und momentan bewegt sich nichts weiter.

Wir haben eine Erdnussschale gefunden (was endlich mal etwas Gutes ist), wir haben Gespräche mit Ärzten, Genetikern und Psychologen geführt, schon zwei Wochen vor dem Umzug fast alles, was wir haben in Kartons gepackt, gesammeltes Kleingeld gerollt, Verträge unterschrieben, Dinge weggeworfen, Autos gemietet, das Meer gesehen.

Jeden Tag sagen wir Erdnuss, dass sie jetzt gehen kann, wenn sie will, das wir vorbereitet sind, dass wir alle wichtigen Entscheidungen getroffen haben, dass es Leute gibt, die sich dann um uns kümmern.

Alles, was wir machen können, ist warten.

Ob unser Kind oder das Krankenhaus (in dem es gerade keine Aufnahmetermine gibt), zuerst entscheiden, wann die Zeit für den schlimmsten Teil des Abschiedes gekommen ist. Für uns spielt das keine Rolle.

Aber das Warten zermürbt und das Fernsehprogramm mit lachenden Kindern voller Brei in der Werbepause ist keine Alternative.

Wir gucken Serien und Filme zum einschlafen und wenn wir einfach mal nicht mehr reden wollen und den Kopf ausmachen. Leider haben wir unsere jetzt alle gesehen.
Falls ihr noch welche habt, kontaktiert uns doch hier über Mail und Kommentare oder über Twitter und Facebook zum Adressenaustausch.

Alles, was ablenkt, hilft gerade.